Bindungsangst: Die Flucht vor der Liebe

Jeder Mensch benötigt den Kontakt zu anderen Menschen. Ohne Freundschaft und Liebe können wir dauerhaft nicht (glücklich) existieren.

Bloß keine Verantwortung, lieber keine Bindung
Wir wollen uns auf unseren Partner verlassen können und gemeinsam durch Dick und Dünn gehen. Zumindest wollen das die meisten. Allerdings gibt es da auch die Bindungsängstlichen unter uns. Sie haben starke Probleme damit, sich auf einen anderen Menschen zu verlassen und auch selbst Verantwortung zu übernehmen. Das Gefühl der Unfreiheit könne sie kaum ertragen.

“Ich habe Angst vor Nähe!”
Sie haben häufig Angst, verletzt und verlassen zu werden. Und diese Angst treibt sie aus der Beziehung: selbst, wenn diese Beziehung gerade harmonisch verläuft und eine Trennung gar nicht zu erwarten ist. Ihre Bindungsangst ist also auch eine Angst, wieder enttäuscht zu werden.

Probleme mit dem Selbstbewusstsein
Denn wenn es wirklich zur Trennung kommt, fragen sie sich:”War ich nicht schön genug, nicht intelligent genug, nicht unterhaltsam genug?” Sie suchen den Fehler bei sich und dadurch sinkt ihr Selbstbewusstsein. Dabei gehören zu einer Beziehung immer zwei Menschen. Die Trennung kann viele Gründe haben. Meist passen zwei Menschen einfach doch nicht so gut zusammen oder ihre Perspektive auf das Leben ändert sich.

„Abstand halten bitte!“
Und so halten Beziehungsängstliche immer einen gewissen Abstand zu ihrem Partner oder auch zu Freunden. Sie wollen sich nicht zu eng binden, da eine Trennung dadurch nicht so weh tut. Das gerade durch die aufgebaute Distanz, ein Scheitern der Beziehung wahrscheinlicher wird, nehmen sie in Kauf. In der Regel könne sie auch gar nicht aus ihrer Haut oder kenne gar kein anderes Verhalten.

“No woman, no cry!”
Bei einigen von ihnen geht es sogar so weit, dass sie Beziehungen gänzlich vermeiden. “No woman, no cry!” Dieser Titel eines Songs sagt dies sehr eindrücklich aus. Allein zu sein bedeutet für sie ein besseres Leben, als in einer unglücklichen Beziehung mit all seinen Begleiterscheinungen (Streit, Kränkungen, Trennung) zu stecken.

Single4ever
Es können durchaus glückliche Singe-Leben dabei entstehen. Doch viele leiden auch an der Einsamkeit, die ihnen dennoch als besseres Los erscheint. Sie wollen entweder für immer Single bleiben oder abwarten. Abwarten, bis der perfekte Partner vor ihnen steht. Doch was ist im Leben schon perfekt? Was heute perfekt erscheint, kann morgen schon wieder kritisiert werden.

Jäger, Narzissten und Maurer
Unter den Bindungsängstlichen finden sich auch die so genannten “Jäger”. Sie wollen vor allem erobern und sind darin sehr gut. Danach flacht ihr Interesse stark ab und ihr Antrieb, weiter an der Beziehung zu arbeiten, lässt stark nach. Auch in sexueller Hinsicht. Einmal “erlegt” reicht manchen von ihnen bereits aus. Sie “jagen” von einer Affäre in die nächste und hinterlassen in der Gefühlswelt ihrer “Beute” oftmals verbrannte Erde.

Auch Narzissten sind nicht selten Beziehungsängstliche. Sie suchen vor allem ihr eigenes Glück und lieben vor allem… sich selbst! Sie sind charmant, oft attraktiv und erfolgreich. Wie die “Jäger” sind sie in der Beziehungsanbahnung sehr gut. Sie wollen Spaß im Leben und schauen immer erst, wie es ihnen geht. Und so zweifeln sie gerne am Partner und bewerten ihn vor allem danach, welchen Vorteil er ihnen bringt. Wenn sie nicht genug aus der Beziehung herausziehen könne, demontieren sie Partner und Beziehung und sind erstmal wieder allein: mit sich und ihrem geliebten Spiegelbild.

Einige beziehungsängstliche Personen mauern sich regelrecht ein. Sie verstecken sich hinter Hobbys, ihrer Arbeit oder einfach nur hinter der Tageszeitung. Sie lieben vor allem die Distanz zu ihrem Partner. Ganz ohne ihn können und wollen sie auch nicht leben. Doch ihr Bedürfnis nach Nähe ist bei ihnen wesentlich geringer ausgeprägt. Sie suchen daher immer nach kleinen und großen Fluchtmöglichkeiten. Das kann auch Fluchten in Drogen, Alkohol und Affären bedeuten. Der Geist wird betäubt, damit man die Nähe zum Partner ertragen kann. Oder sie reagieren psychosomatisch: werden krank.

Gott hilf! Oder wenigstens mein Therapeut!
Wahrscheinlich muss man für diese beziehungsängstlichen Menschen sogar Verständnis haben. Sie haben sich ja in der Regel nicht ausgesucht, wie sie sind. Und bevor jemand leidet, Drogen nimmt oder krank wird, ist eine Trennung sicherlich vorzuziehen. Noch besser wäre aber professionelle Hilfe: eine Therapie zum Beispiel.

Egal wann… Hauptsache weg!
Die Flucht kann übrigens auch nach Jahren noch erfolgen. Entweder wird es ihnen bereits nach dem zweiten Date zu verbindlich oder sie merken erst nach Jahren der Ehe, dass sie für die Verantwortung und Verbindlichkeit nicht geschaffen sind. Sie haben es dann wenigstens versucht, sind aber dennoch an ihrer eigenen Veranlagung gescheitert.

Flucht aus dem Alltag
Wie bereits erwähnt, kann eine Flucht auch innerhalb der Beziehung stattfinden. Durch Arbeit, durch Hobbys oder durch eine Fernbeziehung. Eine solche kann für eine beziehungsängstliche Person perfekt sein. Erst wenn es darum geht, zusammen zu ziehen, zeigt sich ihr Distanzbedürfnis.

Distanz durch Kinder
Ja, auch Kinder können Distanz aufbauen zwischen einen Paar. Auf einmal bleibt keine Zeit mehr für gemeinsame Unternehmungen. Oder der Sex bleibt über Monate, manchmal auch gänzlich aus. Der eine Partner versucht wieder Nähe aufzubauen, der andere arbeitet lieber weiter an der Distanz. Und so ist das zeitaufwendige Hobby des Kindes auf einmal auch zu gern das Hobby des Vaters oder der Mutter.

Flucht durch Stille
Der Mann, der Zeitung liest und sich nicht ablenken möchte, ist das klassische Beispiel. Nicht immer liest er Zeitung, um sich zu informieren. Auch stundenlanges Spielen am Computer ist vielmehr als Flucht vor der Auseinandersetzung mit dem Partner zu verstehen. Hierbei sind Männer in der Regel extremer veranlagt. Frauen sind von Natur aus eher am sozialen Austausch interessiert. Männer können besser schweigen.

Angriff ist die beste Verteidigung
Diese etwas abgedroschene und provokative Aussage trifft auf beziehungsängstliche Menschen durchaus zu. Wenn sie sich eingeengt fühlen, reagieren sie aktiv oder passiv aggressiv. Meist durch ihr Verhalten, ihre Kommunikation, ihre Mimik, ihre Gefühlsäußerungen also. Manchmal aber auch aggressiv in Form körperlicher Gewalt. Wie ein Hund, der in die Ecke getrieben wurde, “beißen” sie um sich.
Oder sie stellen sich tot. Reagieren gar nicht mehr, als wären sie geistig gerade auf einem anderen Planeten. Der Partner kann sie nicht mehr erreichen.

Flucht vor dem Chef
Das Beziehungsängstliche auch oft im Freundeskreis und bei der Arbeit Probleme durch ihre Veranlagung bekommen, kann man sich denken. Sie reagieren nicht viel anders, wenn eine Freundschaft zu eng wird oder der Chef zu viel verlangt und die Verantwortung steigt. Sie flüchten oder gehen zum “Angriff” über. Also ähnlich wie in der Partnerschaft.

Hilfe für Betroffene
Wie fast immer, steht die Selbsterkenntnis am Anfang jeder Veränderung. Wer durch die Höhen und die Tiefen des Lebens gegangen ist, kann vielleicht irgendwann einschätzen, ob er das beschriebene Problem in sich trägt.
Doch auch der Partner benötigt nicht selten Hilfe. Denn Beziehungsängstliche sind nicht die leichtesten Charaktere und können viel kaputt machen. Für sich aber auch in Bezug auf den anderen “geliebten Menschen” neben ihnen.

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