Der Narzisst in uns

Der Narzisst: ein in Unsicherheit lebender, nach Anerkennung suchender Mensch. Konsum und Ablenkung nach dem Lustprinzip verschaffen ihm kurzfristige Befriedigung.

Wie in meinem vorigen Artikel (Bildungsangst) liegt der Ursprung in einem frühem Beziehungsdefizit. Der Narzisst wehrt sich regelrecht gegen tiefere Bindungen, ausgelöst durch den frühen Liebesmangel in der Kindheit und/oder im Jugendalter. Der einzige Ausweg erscheint dem Narzissten in der selbstbezogenen Eigenliebe.
Abzugrenzen ist hierbei die natürliche, gesunde Selbstliebe: sie ist Grundlage für ein ausgeglichenes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Ergebnis einer ausgeglichenen, ehrlichen, authentischen Eltern-Kind-Beziehung. Die Verbundenheit mit anderen Menschen „erlernt“ das Kind in dieser frühen Phase und wendet das Erlernte auf alle späteren Beziehungen an.

Der krankhafte Narzissmuss teilt sich in zwei Extreme:

  • Größenselbst
  • Größenklein

Das „Ich“, der innerste Charakter strebt stets nach Bestätigung und Verbundenheit zur äußeren Welt. Im Größenselbst macht sich der Charakter größer als er ist. Er „dichtet“ sich Eigenschaften hinzu, die ihm als wertvoll erscheinen.
Im Größenklein macht sich der Mensch kleiner als er ist. Vorhandene Stärken werden missachtet und verleugnet. Die Schwäche wird zum Aushängeschild.

Echte Erfüllung fehlt bei beiden Ausprägungen. Unruhe, Unsicherheit, Unglück, fehlende Eingebundenheit. Der narzisstische Mensch leidet am Gefühl, wenig wert zu sein:

  • nicht gut genug
  • nicht liebenswert
  • das schaffe ich nicht
  • bin nicht schön genug
  • ich bin allein

Der Perfektionismus dieser Menschen verhindert jede Sättigung, jedes positive Signal ans eigene Selbst. Nie genügt man seinen eigenen Erwartungen und Vorstellungen. Stattdessen wächst die soziale Angst.

Nicht nur der Narzisst leidet. Auch sein Umfeld. Da es ihm an Emphatie mangelt, bleiben andere Außen vor. Er achtet nur auf sich. Aufmerksamkeit für andere kann er nicht zeigen. Somit leiden auch Partner und Freunde, die keinen echten Zugang zu ihm finden. Auch sie fühlen sich allein mit ihm.

Der Narzisst ordnet die Welt in zwei Kategorien: Nützlich und Unnützlich. Auch Beziehungen unterliegen diesem Wertekanon. Nur nützliche Menschen werden positiv wahrgenommen. Unnütze Personen sind schlecht und werden dementsprechend auch schlecht gemacht oder gemieden.

Dafür sind Narzissten oft erstaunlich erfolgreiche Menschen in kapitalistischer Hinsicht: Sie streben nach Anerkennung, Erfolg, Macht, Geld, Status. Eine moderne hyper-kapitalistische Gesellschaft wäre ohne den pathologischen Narzissmuss kaum vorstellbar. Dieses Streben ist den Kindern meist in die Wiege gelegt. Da sie von den Eltern keine Anerkennung erwarten dürfen, gieren sie nach Anerkennung in anderen Bereichen: Schule, Sport, Ausbildung, Hobbys und andere Leidenschaften.
Man denke an die vielen „Instagram-Models“, die ihr Leben durchgehend veröffentlichen: ein gewisser Narzissmuss gehört wohl dazu. Vielleicht ist sogar der Autor dieser Zeilen betroffen. Er wird es kritisch beobachten 😉

Da das kranke Selbst nie befriedigt werden kann, sucht der Narzisst auch nach stofflicher Kompensation: Drogen, Alkohol, schneller Sex. Alles ist gut, solange es nur ablenkt von der eigenen Seele.
Die Werbeindustrie liebt den narzistischen Kunden. Marken und emotionale Botschaften, die den Menschen aufwerten, braucht der Narzisst wie der verdurstende das Wasser. Nicht verwunderlich ist dann, dass er oft über seine Verhältnisse lebt und Schulden anhäuft.

Der Gipfel des Narzissmuss ist wohl in der Elternschaft begründet. Das Kind als Mittel zur Selbstaufwertung geht am eigentlichen Sinn weit vorbei. Diese Eltern erfreuen sich einzig an ihrer Aufgabe und der Selbstaufwertung dadurch. Sie könnten sich auch ein Haustier halten, dass sie braucht. Der Effekt wäre der gleiche.
Doch letztlich fehlt eine gute Vater- und/oder Mutterfigur. Das Kind ist allein und muss selbst sehen, wo es bleibt und wo es seine Selbstbestätigung bekommt. Wenn der Vater gänzlich fehlt, ist eine extreme Bindung an die Mutter zu beobachten: mit einhergehender großem Anspruch, von der Mutter auch über das Jugendalter hinaus versorgt zu werden.
Geht es dem Vater nur um Leistung oder fehlt die Mutter, ist das Kind nie gut genug. Es strebt nach immer mehr Höchstleistung, spürt aber selten bis nie echte Befriedigung.

Gute Elternschaft bedeutet: Freiheit des Kindes

Der Größenselbst-Narzisst ist dominant geprägt und möchte siegen. Er strebt nach Selbstdarstellung und einem Untergebenen. Wenn er diesen in der Beziehung gefunden hat, bleibt dem anderen nur die unterwürfige Rolle. Er ist der König im Hause. Er braucht keine Kritik oder Belehrung. Und so verkümmern zwei Menschen in gemeinsamer Einsamkeit — oder sie bekämpfen sich bis zur Aufgabe.
Doch gerade dieses Leid benötigt der Narzisst. Es ist sein alltägliches Gerüst, das ihm Halt gibt. Er ahlt sich lieber in seine Unzufriedenheit und in seinem unperfekten Leben, als dass er, beispielsweise durch eine Therapie, Linderung erfährt. Leid lenkt ihn ab. Jede Verbesserung führt oftmals sogar zu einer Symptomverschiebung.

Besonders leider „unser Patient“ im Alter: wenn er verbittert, allein, seiner Leistungskraft und Schönheit beraubt, seinem gewünschten Selbstbildnis immer weniger entspricht. Selbstmord erscheint da manchen als einziger Ausweg.

Das Leiden wird auch körperlich:

  • Bluthochdruck
  • Muskelverspannung
  • schlechter Schlaf
  • Arteriosklerose
  • Übergewicht
  • Diabetes
  • Herzinfarkt
  • Schlaganfall
  • Allergien
  • Magen-Darm-Problematik

Sex und Narzissmuss
Der dominante Größenselbst-Narzisst strebt auch nach Macht im Bett. Es geht ihm um Leistung und Anerkennung. Echte partnerschaftliche Befriedigung und Liebe stehen bei ihm nicht im Vordergrund.
Der unterwürfige Größenklein-Narzisst möchte bedienen und lustvoll gehörig sein. Dadurch bekommt er seine Anerkennung. Sie ergänzen sich zumindest im Bett recht gut.
Echte Emphatie und Zärtlichkeit empfinden beide nicht.

Therapie
Die Einsicht steht am Anfang. Dann folgt ein langer Weg der Selbstreflektion und Erkenntnis. Dieser schonungslose Weg kann gemeinsam, selten auch alleine erfolgreich beschritten werden. Die Grundfeste des Narzissten wird eingerissen. Sein Selbstbild, sein „Standing“ in der Welt wird zerstört. Er muss sich neu erschaffen. Seine Gefühle, falls noch vorhanden, werden offen gelegt. Die Loslösung vom bisherigen erscheint notwendig. Alternative Lebensformen und Lebensorte können bei der Veränderungsarbeit helfen.

Die narzisstische Gesellschaft
Offen bleibt die Frage, ob der Narzissmus zur modernen Gesellschaft gehört?! Können wir erfolgreich durchs Leben gehen, ohne „ichbezogen“ auf unseren Vorteil zu achten und Emphatie und Aufmerksamkeit für andere Menschen zu vergessen? Die materiell erfolgreichsten Menschen zeichnen sich oft durch ein kaltes, fast schon psychopathisches Verhalten aus. Wollen wir das?! Und wohin steuern wir das Boot, mit unserem Narzissmuss. Was macht das aus unserer Weltordnung und unserem Planeten?

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